Lehrveranstaltungen Filmwissenschaft / Mediendramaturgie

S. Erzählweisen und Dramaturgien: Science-Fiction in philosophischer Betrachtung

Dr. Roman Mauer

Kurzname: S Erzählweisen
Kursnummer: 05.054.16_730

Inhalt

Wieso ist Science-Fiction ein Genre, das sich in besonderer Weise öffnen lässt für philosophische Reflexionen? Für ein Nachdenken über den Modernismus, den Post- und Transhumanismus, also die Auswirkungen der rational-technologischen Kultur auf die menschliche Existenz? Vielleicht weil Science-Fiction selbst als Genre bereits ungewöhnlich und von großer inhaltlicher und struktureller Offenheit geprägt ist. Im Unterschied zu anderen Genres gibt es bei Sci-Fi-Filmen kein definitorisch bestimmendes Inventar an Schauplätzen, Typologien, Motiven und Plotmustern. Sogar andere Genres (wie Melodram, Kriminalfilm, Horrorfilm, Komödie, Thriller etc.) kann der Sci-Fi-Film mühelos in sich aufnehmen. Auch müssen Sci-Fi-Filme nicht zwingend in der Zukunft spielen, sondern können in der Gegenwart oder sogar in der Vergangenheit situiert sein. Entscheidend ist, dass in der Erzählwelt mindestens ein nicht-realitätskompatibles Phänomen vorkommt (das „Novum“ nach Darko Suvin), das allerdings kein Bruch mit der fiktionalen Ordnung darstellt, weil es pseudo-wissenschaftlich oder pseudo-technologisch plausibilisiert wird. Anders gesagt: Science-Fiction stellt einen bestimmten Modus diegetischer Konstruktion dar, der das Phantastische über den „Anschein wissenschaftlich-technischer Machbarkeit“ naturalisiert und somit eine Kontinuität zur empirischen Welt (der Zuschauenden) behauptet (Simon Spiegel).
Das große, philosophische Potential des Genres liegt also in seiner doppelten Offenheit, die einerseits generisch strukturell begründet ist, andererseits ontologisch alle Bereiche des Phantastischen umfassen kann, ohne den Abschluss an die Realität des Zuschauenden zu verlieren, sogar wie in einem Brennglas in der empirischen Welt verdichten und einordnen kann. Ziel des Seminars ist es, das Science-Fiction-Genre anhand von ausgewählten Filmen und Serien nach seinem philosophischen Potential und seinen Reflexionen modernistischer Existenz zu befragen.

Empfohlene Literatur

Eine ausführliche Literaturliste wird in der ersten Sitzung ausgegeben.

  1. Banerjee, Anindita: Russian Science Fiction Literature and Cinema - a critical reader. Boston 2018.
  2. Dinello, Daniel: Technophobia! Science Fiction Visions of Posthuman Technology. Austin: University of Texas Press 2005.
  3. Fritsch, Matthias; Lindwedel, Martin; Schärtl, Thomas: Wo nie zuvor ein Mensch gewesen ist. Science-FIction-Filme - angewandte Philosophie und Theologie. Regensburg 2003.
  4. Früchtl, Josef: Das unverschämte Ich: eine Heldengeschichte der Moderne. Frankfurt am Main 2004.
  5. Jaspers. Kristina / Nils Warnecke (Hg.): Future Worlds. Science -Fiction -Film, Berlin 2017.
  6. Neuhaus, Wolfgang: Die Überschreitung der Gegenwart. Science Fiction als evolutionäre Spekulation. Berlin 2018.
  7. Rother, Rainer / Annika Schaefer (Hg.): Future Imperfect. Science -Fiction -Film, Berlin 2017.
  8. Sanders, Steven: The Philosophy of Science Fiction Film. Kentucky 2008.
  9. Schärtl, Thomas (Hrsg.): Nur Fiktion? Religion, Philosophie und Politik im Science-Fiction-Film der Gegenwart. Münster 2015.
  10. Sobchack, Vivian: Screening Space. The American Science Fiction Film. New Brunswick, New Jersey 1987.
  11. Spiegel, Simon: Die Konstitution des Wunderbaren - zu einer Poetik des Science-Fiction-Films. Marburg 2007.
  12. Tumanov, Vladimir (2016): Philosophy of Mind and Body in Andrei Tarkovsky’s Solaris. In: Film-Philosophy 20 (2016): 357–375. Online: DOI: 10.3366/film.2016.0020.

Voraussetzungen / Organisatorisches

Das Seminar kann nur gemeinsam mit dem „SLS. Angeleitete Sichtung zum S.“ besucht werden! Die Anmeldung zur Sichtung erfolgt nach der 3. Lehrveranstaltungsanmeldephase durch das Studienbüro FTMK.

Hinweis für Studierende der PO 2011:
Die Teilnahme am „SLS. Angeleitete Sichtung“ ist eine verpflichtende Studienleistung.

Termine:

Datum (Wochentag)UhrzeitOrt

Semester: WiSe 2020/21