Lehrveranstaltungen Filmwissenschaft / Mediendramaturgie

S. Film/Moderne/Theorie: Das Groteske, Surreale und Absurde im Film 

Dr. Roman Mauer

Kurzname: S Film/Moderne/Theor
Kursnummer: 05.054.16_510

Inhalt

Bizarre Wandverzierungen aus ineinander verflossenen Wesen menschlichen, pflanzlichen und tierischen Ursprungs, die man 1480 bei Ausgrabungen des Palastes von Nero entdeckte, brachten die ästhetische Kategorie des Grotesken hervor (von dem italienischen „grotta“ = Grotte; denn die Gewölbe waren in die Erde eingesackt). Damit etablierte sich ein Begriff, mit dem fortan in den verschiedenen Künsten die Darstellungen des Monströsen und Kuriosen gefasst werden konnte: Oszillationen zwischen den Ästhetiken des Schreckens und des Komischen, die in der Vereinigung des Unvereinbaren gründen, denn sie zersetzen die Ordnung der Dinge. Gestaltet die Ratio über Hierarchisierung, Polarisierung und Kategorisierung die  Welt zum Sinnsystem, so hebelt das Groteske über „seine Mechanismen der Verkehrung, Verzerrung und Vermischung“ dieses wieder auf (Peter Fuß). Das Groteske korreliert auf die Weise mit anderen Phänomenen, wie das Absurde und das Surreale (aber auch den Schwarzen Humor und die Satire), und es lässt sich erst über die Abgrenzung zu diesen Bereichen genauer verstehen. Das Absurde birgt im Gegensatz zum Grotesken eine Welthaltung in sich. Es begreift die Wirklichkeit als sinnlos und kann das Groteske als ästhetisches Mittel nutzen, um Orientierungsstrukturen zu zersetzen und darüber den Widersinn des Ganzen aufzuzeigen.  

Der Surrealismus hingegen hat sich aus den Avantgardebewegungen der 1920er Jahre heraus entwickelt. Diese reagierten mit ihrer Ästhetik auf die Herausforderungen der modernen Gesellschaft, deren zentralen Kennzeichen für Henri Lefebvre die Erfahrung des Diskontinuierlichen war, das die Einheit von Subjekt, Wahrnehmung und Welt aufkündigt, zur Kunst vordringt und das Sinnliche in den Schock, die Entfremdung und Abstraktion treibt. Der Surrealismus war eine Reaktion auf den Ersten Weltkrieg. In den Augen der Surrealisten mussten alle gesellschaftlichen Bereiche – Obrigkeit, Wissenschaft, Philosophie und Kunst – in Frage gestellt werden, weil sie die gewaltige Zerstörung forciert oder zugelassen hatten. Angesichts der Tatsache, dass weltweit zahlreiche Künstler den Impuls des Surrealismus aufgenommen haben, muss man abseits des exklusiven Kreises um André Breton die Existenz einer Ästhetik des Surrealen anerkennen, die sich als stilistische Kontinuität auch durch die Filmgeschichte zieht und in den verschiedensten Kinematografien feststellen lässt. Breton selbst wollte den Begriff weiter gefasst wissen: „Die surrealistische Gesinnung, d.h. die surrealistische Verhaltensweise kommt nämlich zu allen Zeiten vor, sofern man sie als die Bereitschaft auffasst, das Wirkliche tiefer zu ergründen, ohne es damit zugleich transzendieren zu wollen […].“ (Breton 1934)

Die bisherigen Ausführungen machen bereits deutlich, dass die ästhetischen Kategorien des Grotesken, Surrealen und Absurden im 20. und 21. Jahrhundert eine Möglichkeit bieten, auf die Herausforderungen und Schrecken der modernen Welt zu reagieren. Wir werden uns in diesem Seminar der theoretischen Modellierung und Differenzierung dieser Phänomene und einer Analyse ausgewählter filmischer Beispiele widmen. 

Empfohlene Literatur

Eine ausführliche Listeraturliste wird in der ersten Sitzung ausgeteilt.
Zur Einführung:

  1. Alogas, Konstantin: Das Prinzip des Absurden - eine historisch-systematische Untersuchung zur modernen Erkenntniskritik. Würzburg 2014.
  2. Fuß, Peter: Das Groteske - ein Medium des kulturellen Wandels. Köln [u.a.]: 2001.
  3. Hesse, Keutzer, Mauer, Mohr: Filmstile. Wiesbaden 2016.
  4. Lommel, Michael (Hrsg.): Surrealismus und Film - von Fellini bis Lynch. Bielefeld 2008.
  5. Lowenstein, Adam: Dreaming of Cinema. Spectatorship, Surrealism, and the Age of Digital Media. New York 2015.
  6. Sera, Mareike:  Das Innerste denken. Das Groteske in den Filmen Jan Svankmajers. Bielefeld  2019. 

Termine:

Datum (Wochentag)UhrzeitOrt

Semester: WiSe 2020/21