PrS. Perspektiven einnehmen: Mapping Mongolia: Nomadische Räume und filmische Konstruktionen kultureller Differenz
Dozent:innen: Dr. Roman MauerKurzname: 05.054.24_180
Kurs-Nr.: 05.054.24_180
Kurstyp: Projektseminar
Empfohlene Literatur
- Adelman, Deborah (2018): „Nomadic Life on the Steppes: An Ecocinematic Exploration of Tulpan and The Cave of the Yellow Dog“. In: Humanities 7 (2), Art. 62.
- Alekseev-Apraksin, Anatoliy M. (2025): „Mongolian Cinema as an Episteme of Identity“. In: The Art and Science of Television 21 (4), S. 15–48.
- Baranovitch, Nimrod (2021): „The Ethnic Ecocritical Animal: Animal Protagonists and Ethnic Environmentalism in Contemporary Sino-Mongolian Literature and Art“. In: Modern Asian Studies 55 (3), S. 1015–1063.
- Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) (Hrsg.) (2015): Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ). Heft 26–27/2015: Nomaden und Nomadismus. Bonn.
- Deleuze, Gilles / Guattari, Félix (1980): „Traité de nomadologie. La machine de guerre“. In: dies.: Mille Plateaux. Capitalisme et schizophrénie II. Paris, S. 434–527. Dt. Fassung: „Abhandlung über Nomadologie. Die Kriegsmaschine“. In: dies. (2003): Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II. Berlin, S. 481–584.
- Gebhardt, Winfried / Hitzler, Ronald (Hrsg.) (2006): Nomaden, Flaneure, Vagabunden. Wissensformen und Denkstile der Gegenwart. Wiesbaden.
- Gertel, Jörg / Calkins, Sandra (Hrsg.) (2011): Nomaden in unserer Welt. Bielefeld.
- Marsh, Peter K. (2009): The Horse-head Fiddle and the Cosmopolitan Reimagination of Tradition in Mongolia. New York.
- Patton, Paul (2006): „Mobile Concepts, Metaphor, and the Problem of Referentiality in Deleuze and Guattari“. In: Thamyris/Intersecting. Place, Sex and Race 12, S. 27–46.
- Rees, Lucy M. (2015): Mongolian Film Music: Tradition, Revolution and Propaganda. London.
- Sabloff, Paula (Hrsg.) (2011): Mapping Mongolia. Situating Mongolia in the World from Geologic Time to the Present. Philadelphia.
- Wuthnow, Julie (2002): „Deleuze in the Postcolonial: On Nomads and Indigenous Politics“. In: Feminist Theory 3 (2), S. 183–200.
Inhalt
Alternative Lebensformen üben auf industrialisierte Gesellschaften eine besondere Faszination aus und werden häufig zu Projektionsflächen westlicher Sehnsüchte nach Ursprünglichkeit. Gerade nomadische Kulturen erscheinen dabei oft als Gegenbilder zur Moderne: scheinbar frei, naturnah, entschleunigt und kaum reglementiert, unterwegs unter einem weiten Himmel. In Philosophie und Kulturtheorie entwickelte sich das „Nomadische“ zu einer zentralen Denkfigur. Bei Gilles Deleuze und Félix Guattari steht es für Unabhängigkeit, Grenzüberschreitung und Widerstand gegen Konformismus, Sesshaftigkeit und territoriale Ordnungsformen staatlicher Herrschaft (vgl. Tausend Plateaus, 1980/2003). In jüngerer Zeit wird das Konzept zunehmend auf digitale Arbeitsnomaden aus dem globalen Norden übertragen, die pendeln oder gar ortsunabhängig arbeiten und sich von nahezu jedem Ort der Welt aus vernetzen können.Traditionelle nomadische Lebensformen existieren jedoch bis heute tatsächlich, etwa in der Mongolei. Zugleich ist weder die Vorstellung von „Weite“ neutral – sie beruht vielmehr auf historisch und kolonial geprägten Raumkonzepten – noch stellt die Steppe einen „glatten Raum“ im Sinne Deleuzes und Guattaris dar. Nomadische Räume sind sozial organisiert, politisch reguliert und ökologisch hochgradig vulnerabel. Diese Gleichzeitigkeit philosophischer Projektion, sozialer Praxis und filmischer Imagination bildet einen Ausgangspunkt des Seminars. Im Zentrum steht die Frage, wie wir uns aus westlicher Perspektive anderen Kulturen und Lebensweisen über Film annähern können und wie audiovisuelle Medien kulturelle Differenz erzeugen.
Ausgangspunkt des Seminars sind zugleich eigene fotografische und journalistische Arbeiten in der Mongolei, die in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Ferhat Bouda entstanden sind. Begegnungen mit Nomadenfamilien in der Wüste Gobi während der Winterdürre, mit obdachlosen Jugendlichen in den unterirdischen Heizschächten Ulaanbaatars sowie mit Menschen an den Rändern der Stadt bilden den Hintergrund für die gemeinsame Analyse und den Vergleich von fotografischer und filmischer Darstellung anderer Kulturen. Behandelt werden unter anderem Filme von Byambasuren Davaa, Zoljargal Purevdash, Uisenma Borchu. Es sind dokumentarische, hybride und fiktionale Filme, die ethnographische Beobachtung und ästhetische Inszenierung verbinden. Dabei sind Filme über die Mongolei selbst in westliche Festival- und Distributionskulturen eingebunden, deren (teils touristische) Erwartungen bestimmte Vorstellungen von Authentizität und Exotik mitproduzieren. Einige dieser Filme zeigen eine deutlich komplexere Realität. Nomadische Gemeinschaften sind historisch situiert, staatlich reguliert und ökonomisch abhängig. Klimatische Extremereignisse wie der Dzud bedrohen die Existenzgrundlage und beschleunigen Migration und Urbanisierung.
Auf der Grundlage von Theorien des Dokumentarfilms, der Repräsentation und der Semiopragmatik untersucht das Seminar hybride Formen zwischen Fakt und Fiktion. Zugleich richtet es den Blick auf alternative Erfahrungen von Zeitlichkeit, die sich von den Beschleunigungslogiken moderner Gesellschaften unterscheiden und sich mit Konzepten des Slow Cinema sowie filmischen Realismus diskutieren lassen. Das Seminar führt in zentrale theoretische Diskurse der Film- und Kulturwissenschaft ein. Als Projektseminar widmet sich die Veranstaltung zugleich exemplarisch der Entwicklung einer filmwissenschaftlichen Publikation. Ziel ist es, theoretische Diskussionen, filmwissenschaftliche Analyse sowie eigene Forschungs- und Bildpraxis miteinander zu verbinden und wissenschaftliches Arbeiten als offenen Prozess erfahrbar zu machen.
Termine
| Datum (Wochentag) | Zeit | Ort |
|---|---|---|
| 19.10.2026 (Montag) | 14:15 - 17:45 | 01 110 PC-Raum, Seminarraum 2 9181 - Medienhaus |
| 26.10.2026 (Montag) | 14:15 - 17:45 | 01 110 PC-Raum, Seminarraum 2 9181 - Medienhaus |
| 02.11.2026 (Montag) | 14:15 - 17:45 | 01 110 PC-Raum, Seminarraum 2 9181 - Medienhaus |
| 09.11.2026 (Montag) | 14:15 - 17:45 | 01 110 PC-Raum, Seminarraum 2 9181 - Medienhaus |
| 16.11.2026 (Montag) | 14:15 - 17:45 | 01 110 PC-Raum, Seminarraum 2 9181 - Medienhaus |
| 23.11.2026 (Montag) | 14:15 - 17:45 | 01 110 PC-Raum, Seminarraum 2 9181 - Medienhaus |
| 30.11.2026 (Montag) | 14:15 - 17:45 | 01 110 PC-Raum, Seminarraum 2 9181 - Medienhaus |
| 07.12.2026 (Montag) | 14:15 - 17:45 | 01 110 PC-Raum, Seminarraum 2 9181 - Medienhaus |
| 14.12.2026 (Montag) | 14:15 - 17:45 | 01 110 PC-Raum, Seminarraum 2 9181 - Medienhaus |
| 21.12.2026 (Montag) | 14:15 - 17:45 | 01 110 PC-Raum, Seminarraum 2 9181 - Medienhaus |
| 11.01.2027 (Montag) | 14:15 - 17:45 | 01 110 PC-Raum, Seminarraum 2 9181 - Medienhaus |
| 18.01.2027 (Montag) | 14:15 - 17:45 | 01 110 PC-Raum, Seminarraum 2 9181 - Medienhaus |
| 25.01.2027 (Montag) | 14:15 - 17:45 | 01 110 PC-Raum, Seminarraum 2 9181 - Medienhaus |
| 01.02.2027 (Montag) | 14:15 - 17:45 | 01 110 PC-Raum, Seminarraum 2 9181 - Medienhaus |